Shutter Island, 1954. US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) und sein neuer Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) reisen auf die abgelegene Insel vor der US-Ostküste, um das mysteriöse Verschwinden der Patientin Rachel Solando (Emily Mortimer) aufzuklären. Doch in der Anstalt für geistesgestörte Gewaltverbrecher stoßen die Bundesbeamten auf eine Mauer des Schweigens. Der ärztliche Leiter Dr. Cawley (Ben Kingsley) verweigert den Cops die Einsicht in die Akten und auch seine Mitarbeiter stellt er nur sehr widerwillig für Befragungen zur Verfügung. Daniels und Aule finden schnell heraus, dass Solando nicht ohne Hilfe geflohen sein kann. Ihre Chance von der Insel zu entkommen, ist aber verschwindend gering. Die einzige Verbindung zum Festland ist eine Fähre, zu schwimmen wäre reiner Selbstmord. Nachdem Solandos behandelnder Arzt Dr. Sheehan überstürzt in den Urlaub abgereist und nicht mehr zu erreichen ist, intensiviert Daniels seine Bemühungen und will mit aller Macht herausfinden, was auf der Insel gespielt wird. Aber auch der Marshal verfolgt ganz eigene Interessen, er vermutet, dass im Ashecliffe Hospital geheime Experimente an lebenden Patienten durchgeführt werden. Ferner macht ihm immer noch der Tod seiner geliebten Frau Dolores (Michelle Williams) zu schaffen, die in ihrem Appartement bei einem Brand erstickte…
Hatte der Italo-Amerikaner früher in Robert De Niro seine Muse, übernahm Leonardo DiCaprio 2002 bei "Gangs Of New York" den Staffelstab und spielt nun nach "Aviator" und "The Departed" schon seine vierte Hauptrolle für den Großmeister. Die Vorzüge liegen auf der Hand: DiCaprio ist nicht nur einer der besten Schauspieler seiner Generation, sondern auch ein echter Filmstar, der die Menschen alleine mit seinem Namen in die Kinos locken kann. Das mag auch mit „Shutter Island“ gelingen, immerhin hat das Studio die mögliche negative Publicity bei einem Oscar-Reinfall vermieden.
Die Puzzlestücke des Drehbuches werden sehr geschickt ausgelegt und beschäftigen das Publikum erst einmal eine Weile, jeder Zuschauer kann sich einen eigenen Reim darauf machen und wer sich dafür viel Zeit lässt, hat keine Nachteile, denn mit einem Wendungs-Coup werden die Karten neu gemischt. Unabhängig davon schleichen sich im Mittelteil einige Längen ein, die Handlung kommt nicht voran und verliert ihren Fokus. Aber das ist die Ruhe vor dem Sturm: Am Ende des Film überschlagen sich die Ereignisse und dem Zuschauer bleibt kaum Luft zum Atmen. Dann muss er schon zwei mal nachdenken und er ertappt sich darauf, dass er nicht weiß, wem er jetzt letztendlich glauben soll? Ist schon ein kluger Schachzug. Allerdings bin ich noch keinem begegnet, der in den wichtigsten Szenen des Films NICHT auf Leonardo's Seite wäre ...
DiCaprio, den gern unterschätzten, aber oft ausgezeichneten Mark Ruffalo und Ben Kingsley zur Verfügung zu haben, ist ein Segen, aus dem aber auch eine Verpflichtung erwächst. DiCaprio ist der klare Dominator des Films. Alles ist auf den Kalifornier zugeschnitten, der mit purer Präsenz Akzente setzt. Sein Marshal Daniels wird von inneren Dämonen gejagt, die ihn aber nicht hemmen, sondern anspornen, weiter zu ermitteln. Leider übertreibt es Scorsese mit geradezu epischen Rückblenden, die Daniels‘ mentale Instabilität bebildern. Immer wieder geht es zurück in Daniels‘ Zeit im Zweiten Weltkrieg. Er hat als US-Soldat an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau mitgewirkt, sich aber auch selbst kaltblütiger Morde schuldig gemacht. Damit nicht genug, in einer zweiten Flashback-Ebene plagt ihn der Tod seiner Frau Dolores, die in seinen Träumen zu ihm spricht und ihm Ratschläge gibt, was als nächstes zu tun sei. Diese Ausflüge in die Psyche sind für den Film nie gut, es sein denn, man macht es geschickt und übertribt nicht. In dem Fall hat Scorsese ein wenig zu viel gewollt. Denn während der Zuschauer gespannt die Thrillerhandlung weiter verfolgen will, hemmen die Rückblenden immer wieder den, ansonsten sehr flüssigen, Erzählfluss. Das ist eigentlich eine Schwäche des Films. Eine volgt noch.
Mag es dramaturgisch auch einige Holprigkeiten geben, stilistisch ist „Shutter Island“ absolut über jeden Zweifel erhaben. Die abgelegene Insel ist ein perfekter Drehort, die raue Landschaft und deren Inszenierung gemahnt an Klassiker der Sechzigerjahre und das Wetter nimmt teilweise gar die Funktion einer Nebenrolle ein, wenn ein kräftiger Sturm über das Eiland zieht und den Mikrokosmos Shutter Island ins Chaos stürzt.
Martin Scorseses „Shutter Island“ ist kein Meisterwerk. Oft sind die Einzelteile des Thrillers besser als das Ganze, vor allem der mittlere Teil. Daran ändert auch die herausragende Kameraarbeit von Robert Richardson und das engagierte Auftreten von Leonardo DiCaprio nichts. Dieser Psychothriller wäre ganz gut gelungen, hätte Scorsese nicht versucht, die ganze Mysterie am Ende zu krampfhaft aufzulösen. Doch die Brillanz, mit der er das alles inszeniert, ist trotz aller Einwände bewundernswert und macht aus „Shutter Island“ einen absolut sehenswerten Film.
Carsten Baumgardt und Amanda Musch




















