Von der Universität ins Callcenter, von der Doktorarbeit über Heideggers „Sein und Zeit“ zum Verkaufsgespräch über teure, aber gänzlich unnötige Wasserfilter: mit diesem Weg, den die junge Marta nach bestandener Prüfung cum laude nimmt, ist sie ganz und gar eine Repräsentantin der „Generation Praktikum“ - hoch qualifiziert, aber total unterfordert und vor allem unterbezahlt. Wie ein Ufo steht das gläserne Callcenter irgendwo auf einer grünen Wiese bei Rom, fast ein Sinnbild für Heideggers Subjektbegriff, der dem Ich nur eine tastende, ungewisse Beziehung zur Außenwelt zutraut.
Regelmäßige Besucher des Filmfestivals von Venedig erleben den einst glorreichen italienischen Film in der Hauptsache als ein lamoryantes Trauerspiel, aus dem allenfalls Nanni Moretti hervorsticht. Doch nun gibt es diesen kleinen, feinen, überaus zeitgemäßen Film: „Tutta La Vita Davanti - Das ganze Leben liegt vor Dir“ von Paolo Virzi, der moderne Kapitalismus- und Medienkritik mit Heideggers „Sorge“ zu einer mal satirischen, mal melancholischen Komödie verquickt. Eine Entdeckung gibt es darüber hinaus zu machen, denn mit Isabella Ragonese als Marta führt Virzi eine fulminante Hauptdarstellerin vor.
Dass Virzi seinen Film nicht als Systemkritik mit zusammen gebissenen Zähnen versteht, wird schon im wunderbaren Vorspann deutlich: Marta fährt mit dem Bus, und plötzlich beginnen alle um sie herum zu tanzen - ein Angestelltenballett, das irgendwie auch wie eine Truppenübung wirkt und in einer Variation später noch mehrmals aufgenommen wird: Bevor sich die Telefonistinnen im Callcenter die Headsets überstreifen, stimmt sie die Chefin mit einer bizarren Motivationsübung auf ihre Aufgabe ein. Singend und tanzend beschwören die Damen ihr positives Denken. So sieht zeitgenössische Hirngymnastik zur Steigerung der Produktivität aus.
In dieser Welt ist Marta Mitspielerin und Beobachterin zugleich. Mit Befremden registriert sie den Enthusiasmus ihrer Kolleginnen für die Trash-Show „Big Brother“, die in gewisser Weise das mediale Pendant zum Käfigcharakter des Callcenters darstellt. Ebenso irritiert nimmt sie das Hierarchie-Gerangel unter ihren Kolleginnen zur Kenntnis, das von der Chefin natürlich nach Kräften befeuert und mit Lob und Tadel der Betriebsaufmerksamkeit ausgesetzt wird - Marta selbst hat kein Problem, bald als beste Mitarbeiterin des Monats gekürt zu werden. Kühl schleicht sie sich in das Vertrauen der Angerufenen ein, indem sie sie in Gespräche über ihre Umgebung verstrickt, die sie per Google Maps auskundschaftet.
Isabella Ragonese pendelt fabelhaft zwischen Distanz und Nähe, intellektueller Abgeklärtheit und Leidenschaft - ja, sie macht dieses Spiel geradezu zu einem Wesenszug ihrer Figur, ob Marta mit ihrem Freund Schluss macht, auch wenn sie sich vor der Einsamkeit fürchtet, oder ob sie mit einem übereifrigen Gewerkschafter anbandelt, selbst wenn ihr sein Starrsinn auf die Nerven geht.
So lebt diese Marta in prekären Verhältnissen und ist Gefangene einer Arbeitsgesellschaft, die sie zugleich von außen betrachtet. Virzi lotet nicht weniger als die Version der alten Entfremdungstheorie für das dritte Jahrtausend aus, und dies auf eine vitale und schlaue Weise, die imponiert.
Quelle: ksta.de

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