Dude goes Big again: Jeff Bridges als Bad, die Contry-Legende.
Der Countrysänger Bad hatte einst einen Nummer-Eins-Hit und tourt mit seinen 57 Jahren mit diesem Song noch immer durch die Kneipen und Bowling-Hallen. Er hat mit seinem Publikum einiges gemeinsam: Wie seine Fans ist er desillusioniert und trinkfest. Als er auf die Journalistin Jean Craddock trifft und sich in sie verliebt, kann er nicht an eine gemeinsame Zukunft glauben. Doch Liebe hat mit einer realistischen Selbsteinschätzung nichts zu tun.
Wenn sich aber Filmemacher solchen Künstlern und Kerlen widmen, vermögen sie hierzulande durchaus die Kinogänger und spätestens seit letztem Jahr auch das Arthouse-Publikum zu begeistern. Da lief nämlich Darren Aronofskys „The Wrestler“, für den Mickey Rourke als abgehalfterter Fighter namens Randy in den Ring stieg, der ihm jahrelang Ruhm und ein Auskommen bescherte, von dem sich der selbstzerstörerische Loner mit Anabolika, Frauen und Drogen versorgte. Bis er zu alt war, und Körper und Seele ruiniert.
Oberflächlich betrachtet tun sich bei „Crazy Heart“ allerlei Parallelen zum „Wrestler“ auf: der verpasste Absprung, Drogen, unverbindliche Milieubekanntschaften, vergessene Kinder, Freunde, die Impulse setzen, aber nicht das verkorkste Leben retten können, und die Chance auf eine Zukunft, die aber auch das Ende des eingefahrenen Lebens nach unten bedeutet. Der gleiche Ansatz also, doch „Crazy Heart“ findet eine Entwicklung, die andere Wege einschlägt und deshalb auch diese Loser-Perle so sehenswert macht. Regie-Debütant Scott Cooper setzt Aronofskys Melodram ein eigenständiges, alternatives Ende entgegen, das aber deshalb nicht zwingend ein Happy End ist. Cooper bleibt glaubwürdig und findet Kompromisse, die das Leben schreibt – und nicht Hollywood.
Jeff Bridges hat 1998 in „The Big Lebowsky“ den Dude gespielt. Einen schluffigen Loser, der nicht unterging, weil er vom Coenschen Drehbuchglück getragen wurde. Mit einer vergleichbaren stoischen Gelassenheit verkörpert Bridges hier auch Bad. Diese mitunter sehr sympathische Haltung entspringt allerdings weniger einem lebensphilosophischen als einem alkoholbedingten Unterbau. Bad ist der Dude, wenn er wie selbstverständlich mit offener Hose herumläuft oder sich kauzig unbeholfen mit dem Mund drei Kippen aus der Packung zieht. Aber Bad zieht auch mal die Sonnenbrille aus dem Mülleimer, in den er sich zuvor übergeben hat. Oder er verliert im Delirium bittere Tränen. Dieser Bad ist von Grund auf tragisch. Und so könnte man den Dude im Nachhinein als Parodie von Bad betrachten. In „Crazy Heart“ schafft Bridges den Spagat zwischen Schluffi und alkoholisiertem Ekel meisterlich. Und seine Gesangseinlagen, die sich durch den Film ziehen und mit denen Bridges in der heruntergekommen Bar ebenso brilliert wie auf der großen Bühne, bilden die atmosphärischen Höhepunkte dieses Dramas.
Er ist ein klassischer Typus, dieser alte Mann, der alles hatte, Erfolg und Familie, und jetzt nichts mehr hat. Verbraucht, der Körper geschunden. Der dem Arzt ebenso aus dem Weg geht wie der Verantwortung. Dessen kurzsichtiges, drogenbetäubtes Ego groß genug ist für ein Leben, das sich in den Ruinen des einstigen Erfolgs verlaufen hat. Ein Familienvater, der im Rausch bereuen und Besserung versprechen, dem aber am nächsten Tag ein kleiner Impuls genügt, um von der gelobten Abkehr loszulassen. Männer wie Randy oder Bad, die, den Abgrund vor Augen, resignieren – oder das Leben doch noch neu entdecken. Bad singt von solchen Männern, denn er singt über sich selbst. „Crazy Heart“ erzählt von Männern wie ihm. Ganz nebenbei erzählt dieses Drama auch mehr über das Schreiben von Liedern als so manches Musiker-Biopic der letzten Jahre.
Von Hartmut Ernst und Amanda Musch

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