Der Postbote Phillipe Abrahm ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben in der Prvence, wären da nicht die Depressionen seiner wunderschönen Frau Julie. Ihr zuliebe versucht er, sich an die Riviera versetzen zu lassen, um dort mit Frau und Kind die Sonnenseite des Lebens zu geniessen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind ihm- fast- alle Mittel recht, nur leider stellt er sich nicht sehr geschickt an und so kommt, was kommen muss: Er wird versetzt, doch zu allem Unglück keineswegs in den sonnigen Süden, sondern in den Norden Frankreichs...Doch was genau muss man sich unter „Sch’ti“, wie es in der deutschen Fassung heißt, vorstellen? Als erstes fällt auf, dass aus allen „S“-Lauten ein „Sch“-Laut (im Original: „c“ zu „ch“) wird. Hinzu kommen diverse eigene Vokabeln. Missverständnisse sind da freilich vorprogrammiert, was genüsslich ausgekostet wird, doch zu keinem Zeitpunkt zu Ungunsten der Protagonisten. Zwar amüsiert ihre schrullige Artikulation köstlich, doch der Lächerlichkeit werden sie nie preisgegeben, was nicht zuletzt daran liegt, dass Regisseur Boon selbst aus besagter Region stammt und nach eigener Aussage bis zu seinem zwölften Lebensjahr kaum ein Wort „ordentliches“ Französisch sprach. Bereits in seinen populären Bühnenshows - eine dazugehörige DVD verkaufte sich stolze 600.000 Mal - setzte er seiner Herkunft und Sprache ein humoristisches Denkmal und parodierte sie liebevoll.
Von der Bühne zur Leinwand ist es ein gewaltiger Sprung, den Boon allerdings bemerkenswert meistert. In seiner nach „La Maison du Bonheur“ (2006) zweiten Regiearbeit zeigt er ein gutes Gespür für Timing und Schauspielführung. Eine gute Entscheidung ist zudem die Verpflichtung von Kameramann Pierre Aïm, der schon so unterschiedlichen Filmen wie Hass – La Haine und „Im Juli“ sein geschultes Auge lieh. Er sorgt für visuelle Dynamik und kompetent komponierte Einstellungen. Philippe Rombis Musik ist zweckdienlich und vermeidet überflüssigen Zuckerguss. Gänzlich ohne manipulative Mittel wird eine zeitlose Botschaft von Toleranz und Offenheit verbreitet. Originelles wird man in formaler Hinsicht, sieht man einmal von der verspielten Credit-Sequenz, in der auf einer computeranimierten Karte statt der jeweiligen Orte die Namen der Beteiligten eingeblendet werden, nicht finden. Doch das Gebotene genügt den Ansprüchen des Genres vollkommen.
Neben dem bereits erwähnten Sprachwitz, der vorbildlich übertragen wurde, ist es vor allem Situationskomik, mit der „Willkommen bei den Sch’tis“ punktet. Als ein Beispiel hierfür sei der unerwartete Besuch eines Kontrolleurs bei Philippe genannt. Wie er einen noch verschweißten Rollstuhl eilig auspackt, dabei einen Reifen beschädigt, sich mühsam durch das Gespräch manövriert, den Erfolg schon vor Augen hat und dann am Schluss durch eine Unachtsamkeit doch wieder alles vergeigt, ist einfach urkomisch. Nicht alle Szenen sind derartig gelungen und die Gags gelegentlich auch vorhersehbar, Leerlauf stellt sich jedoch nie ein. Am besten ist der Film ohnehin, wenn er die Klischees über den Norden aufs Korn nimmt. Da wird Philippe von jedem, der von seinem Schicksal erfährt, sofort bemitleidet, inklusive eines Streifenpolizisten, dessen Auftritte Running-Gag-Charakter besitzen. Ansonsten wird Nord-Pas-de-Calais als kalte, unwirtliche Horrorlandschaft beschrieben, die dem Ende der Welt gleichkommt.
Höchst amüsant ist in diesem Zusammenhang der Gastauftritt von Michel Galabru, der den meisten Zuschauern noch als Vorgesetzter von Louis de Funès in den sechs „Gendarme“-Filmen in Erinnerung sein düfte. In unheimliches Halbdunkel getaucht, berichtet er seinem geschockten Zuhörer von den Schrecken des unbeliebtesten Teils Frankreichs. Somit reiht er sich mühelos in ein perfekt harmonisierendes Ensemble, an dessen Spitze Kad Merad (Keine Sorge, mir geht’s gut, Paris, Paris, Kann das Liebe sein?) als miesepetriger Beamter steht, der allmählich lernt, seine Vorurteile hinter sich zu lassen. Boon selbst, präzise synchronisiert von Christoph Maria Herbst, fühlt sich sichtbar wohl in seiner erprobten Rolle als herzensguter Naivling und auch die Chemie mit seinem Love Interest, der charmanten Anne Marvin, stimmt.
Fazit: Auch wenn den meisten deutschen Zuschauern die Problematik, auf die sich „Willkommen bei den Sch’tis“ stützt, unbekannt sein dürfte, handelt es sich doch um ein so universelles Thema, dass es sich wohl in jedem Land der Erde nachvollziehen lassen dürfte. Auch ein unvermeidliches US-Remake, das von Will Smith produziert werden soll, ist bereits in Planung. Dass sich hierzulande ein ähnlicher Erfolg wie in Frankreich einstellen wird, ist natürlich illusorisch. Trotzdem ist „Willkommen bei den Sch´tis“ eine der besten Komödien der letzten Zeit, die weniger auf Brachialhumor und dafür mehr auf quirlige Charaktere und das clevere Spiel mit hartnäckigen Vorurteilen setzt.
Ein großartiger Film, großartig gespiellt.
Quelle: filmstarts.de







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